Im barrierefreien Puff – Gastbeitrag von Matthias Vernaldi
Vernaldi, 50, studierter Theologe, gelernter DDR-Bürger, Aktivist der Behindertenbewegung, ist Mitbegründer des Berliner Netzwerkes Sexybilities.
Ich habe mit dem Blogger Hobrecht einiges gemeinsam: Wir gehören einer Generation an, sitzen beide im Rollstuhl, essen gern und wissen gute Weine zu schätzen. In einem aber unterscheiden wir uns deutlich. Jürgen würde nie für Sex Geld bezahlen. Ich hingegen tue das, wann immer mir mein schmales Budget es erlaubt – also viel zu selten. Ohne dem hätte ich als schwerbehinderter älterer Herr so gut wie gar keine Chancen, Lust zu erleben.
Als behinderter Nutzer sexueller Dienste bin ich natürlich an Barrierefreiheit interessiert. Vor drei Jahren redete ich an einem Abend beim Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (BSD e.V. ) über behinderte Freier. Abschließend ließ ich die versammelten Bordellbetreiber an meiner Utopie vom Puff teilhaben, der nicht nur stufenlos zu erreichen ist, sondern auch einen Wannenlifter für den Whirlpool hat.
Unter den Zuhörern saß Maxi, die Betreiberin des Liberty.
Im letzten Herbst war ich überrascht, eine Mail von ihr vorzufinden. Sie lud mich ein, mir die untere Etage ihres Etablissements anzusehen, die sie neu dazu gemietet und ausgebaut hatte.
Das Liberty gehörte schon vor Renovierung zu den wenigen Läden in der Stadt, die bedingt mit dem Rollstuhl zugänglich sind, einen stufenlosen Zugang hat, wenigstens einen Raum mit ausreichend Bewegungsfläche und eine Toilette, die mit dem Rollstuhl anzufahren ist. Von meiner Utopie war dieser Zustand jedoch weit entfernt.
Doch Maxi setzt jetzt neue Maßstäbe. Offenbar hatte sie sich an jenem denkwürdigen Abend beim BSD von mir inspirieren lassen.
Sie hat ein Bad mit unterfahrbarem Waschbecken, einer Rollstuhltoilette und einer ausreichend breiten Dusche eingerichtet. Sogar ein Duschstuhl ist vor Ort. Besonderes Ausstattungshighlight ist der elektrische Wannenlifter für den Whirlpool. Aber auch an weniger Spektakuläres, wie ein Rutschbrett, ist gedacht, mit dessen Hilfe man sich bequemer vom Rollstuhl ins Bett oder aufs Klo umsetzen kann. Einziger Wermutstropfen ist der Aufzug, der relativ eng ist. Ein breiter E-Rollstuhl von mehr als 1,20 m Länge dürfte zu groß sein.
Ich war der Erste, der den neuen Wannenlifter ausprobieren sollte. Es gibt zwei unterschiedliche Haltegurte – einen für Leute, die noch ganz gut selbst klarkommen und sich auch gut selbst halten können, und einen für Leute, wie mich, die mehr oder weniger darin liegen müssen.
Jedenfalls können auch wirklich schwerbehinderte Personen in den Pool. Na ja, auch nichtbehinderte Personen können den Lifter nutzen: für eine SM-Nummer zum Beispiel, oder beim Krankenschwester-Patient-Rollenspiel oder einfach nur als Liebesschaukel.
Maxi hat bis vor wenigen Jahren selbst als Prostituierte gearbeitet und hatte auch viele behinderte Gäste.
Heute bringt sie als Chefin dieses Thema den Frauen näher. Sie weiß, dass Barrieren nicht nur baulicher Natur sind. Viele Prostituierte haben, wie andere auch, Berührungsängste gegenüber stark von den üblichen Normen abweichenden Körpern.
„Prostitution kann nur unter menschenwürdigen Bedingungen ausgeübt werden, wenn die Frauen auch Gäste ablehnen können“, sagt sie. „Doch die meisten Frauen hier sind offen für jeden Gast und haben diese Barrieren nicht.“
Ein barrierefreies Bordell ist natürlich überdies auch für Dienstleisterinnen im Rollstuhl interessant. Ich kannte mal eine, die hat in ihrer privaten Hochhauswohnung Gäste empfangen. Wenn es das Liberty damals schon gegeben hätte, wäre sie vielleicht auswärts arbeiten gegangen.
Liberty heißt Freiheit. Jetzt kann auch noch Barrierefreiheit damit assoziieren werden. Geil!
Übrigens: Nach der Pflicht durfte ich mich noch eine wunderbare Stunde mit Angelina vergnügen. Über unserem Lotterbett hing ein riesiger Spiegel an der Decke, in welchem wir uns in ganzer Größe sehen konnten. Ein schöner Anblick!
http://libertyberlin.de/barrierefrei.htm
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August 21, 2009 - Geschrieben von Juergen Hobrecht | Alltag | barrierefrei, Bordell, BSD, Freier, Lifter, Prostituierte, Puff, Sex, Wanne, Whirlpool
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Ich bin 54 Jahre alt und lebe seit 10 Jahren im Prenzlauer Berg in Berlin, sozusagen im Epizentrum: am Kollwitzplatz. Seit Anfang der achtziger Jahre bin ich als Autor tätig, erst für alle Radiostationen der ARD. Seit Anfang der 90er Jahre produziere ich Filme mit meiner Firma Polis Film (www.polis-film.de) Interessen: Porträts, Israel/Palästina, Shoah, soziale Themen, selbstimmtes Leben und alles was mir Spaß macht. Im Jahr 2005 habe ich die Phoenix Medienakademie e.V. mitgegründet, die Weiterbildung in digitalen Medien anbietet (www.phoenix-medienakademie.com ) Man findet mich im Netz unter facebook und xing. Ich blogge, weil ich schnell aufschreiben und veröffentlichen will, was und wer mich umtreibt.
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Und ich finde, diese “Maxi” ist deinen “Wünschen” schon mehrere Schritte entgegen gekommen !
Sicherlich hat das nicht NUR menschenfreundliche Gründe, aber immerhin…
Das ist viel öfter so, als man gemeinhin denkt: Kommerz und Barrierefreiheit gehen Hand in Hand . M.V.