Kaum zu glauben:Berlin umsonst und freundlich!
Ich bin mental außerstande sieben Tage in der Woche den widerständigen Rollstuhlfahrer zu geben. Meine Wut über vieles ist grenzenlos. Sie reicht aber nicht, mir das Leben zu versauen. Nach dem schockierenden Besuch der Demo “Marsch für das Leben” war mir dringend nach Entspannung und Ablenkung.
Das Wetter war prächtig.
Ich fuhr in den Botanischen Garten und schaute mir das neu eröffnete Tropenhaus an. Am Eingang ein freundlicher junger Mann, der nur bestätigt haben wollte, dass ich eine Behindertenausweis habe und mir ansonsten viel Spaß wünschte. Anderntags hätte ich mich sicher über positive Diskriminierung beschwert. Heute war mir nicht danach.
An der Automatiktür zum neuen Tropenhaus stolperte mir Reinhard Bütikofer, Ex-Bundesgeschäftsführer der Grünen, fast auf den Schoß. Einen Tag vor der Bundestagswahl hieß sein Motto wohl: Besinnung und back to the roots.” Es folgten zwei Stunden Ruhe im Tropenklima in einer unglaublichen Pflanzenpracht. Der Stress, des Alltags fiel ab. Erstmals seit drei Wochen wirkliche Entspannung. Fester Entschluss: Ich mach das öfter!
Auf dem Weg zum Auto, erhielt ich eine SMS. Einladung ins Konzerthaus am gleichen Abend: Brahms, Schumann.
Am Konzerthaus empfing mich meine Begleitung am Künstlereingang und begleitete mich durch die Kellergewölbe zum Lift. Es folgte ein furioses Konzert des Konzerthausorchesters unter Leitung von Lothar Zagrosek. Eine Karte wollte niemand sehen. Stattdessen wurden in der Pause Wein und Brezeln gereicht.
Unnötig zu erwähnen, dass ein Mehrfaches der gesparten Eintrittsgelder anschließend bei Lutter&Wegner verprasst wurde.
Nur Ausrutscher?-Übergriffe gegen “Marsch der 1000 Kreuze”
Meine Position zum Abbruch von Schwangerschaften ist eindeutig: Ich bin gegen einen Spätabbruch, wenn er dazu führt, behindertes Leben zu vernichten, ohne dass das Leben der Mutter zuvor in Gefahr gewesen wäre. Da es unredlich ist, die Tötung behinderter Babies abzulehnen, gleichzeitig aber die Abtreibung nichtbehinderter Embryos zu tolerieren, bin ich wohl oder übel ein Abtreibungsgegner.
Aus Engagement für das Thema und aus Neugier ging ich gestern Mittag zum Roten Rathaus und beobachtete den „Marsch für das Leben“, den Schweigemarsch von ca. 1.300 Menschen, der sich nach einer Kundgebung in Richtung St. Hedwigskathedrale bewegte, wo ein Ökumenischer Gottesdienst gefeiert wurde.
Man mag über die Wirkung der Symbolik von 1.000 Kreuzen streiten, die die Teilnehmer trugen, um an 1.000 Abtreibungen pro Tag zu erinnern. Man mag darin eine unnötige Dramatisierung des Themas sehen.
Was allerdings ein Bündnis von Gegendemonstranten, bestehend aus Linken, Feministen und sog. Antifaschisten an “Argumenten” aufzubieten hatte, war von so atemberaubender Geschmacklosigkeit und erschütternder Dummheit, dass mir jede Kritik an dem “Marsch der 1.000 Kreuze” sofort als kleinlich erschien.
Da wurde von geschichtsvergessenen Abtreibungsbefürwortern ausgerechnet auf dem Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung von 1933, eine Bibel verbrannt. Es waren Plakate zu sehen, mit der Aufschrift ”Christen fisten”. Es flogen Eier aus den Reihen der Gegendemonstranten auf die als rechte Lebensschützer denunzierte Kundgebungs-teilnehmer. Insgesamt hat mich das geistige Niveau der Abtreibungsbefürworter an einen Artikel der Lübecker Politikerin der Linken, Asja Huberty erinnert, die Föten mit Kaulquappen und Zellhafen verglich und sich vehement für fristenlose Abtreibung aussprach. Huberty hat ihre Wortwahl inzwischen bedauert.
Ihre Haltung zum Thema ändert sie nicht. Die hinterher als verbalen Ausrutscher verharmlosten Äußerungen zeigen in ihrem Fall, wie in Berlin, die wahre menschenverachtende Geisteshaltung.
Parken mit Behinderung
Es ist wunderbar, das Christiane Link mit dem Titel ihres Blogs Behíndertenparkplatz auf das Thema aufmerksam macht. Aber lesen es die notorischen Falschparker?
Ich habe einen eigens mit Nummer reservierten Parkplatz vor meiner Haustür. Den Platz zu reservieren, bedeute für mich zwei Tage Vollbeschäftigung mit Behördenkram.
Seit Jahren zwei, drei Mal in der Woche die gleiche Prozedur. Ich will einparken und siehe da: der Parkplatz ist besetzt. Der Prenzlauer Berg ist ein beliebtes Amüsierviertel, mit zahllosen Kneipen, Clubs und Restaurants. Abends einen freien Parkplatz zu bekommen: beinahe ein Unding.
Der Missbrauch meines Parkplatzes heißt für mich bis zu 2 Stunden Zeitverschwendung. Ich rufe per 110 eine Streife, die manchmal erst nach einer Stunde kommt. O-Ton Polizei: “Sie halten sich bitte in der Nähe des Fahrzeugs auf”. Nach Eintreffen der Streife folgen ein 20-minütiger Check meiner Daten und eine Ermittlung des Falschparkers, der ja möglicherweise nebenan wohnt. Wenn das nicht fruchtet, wird ein Abschleppwagen gerufen. O-Ton Polizei: “Sie bleiben bitte in der Nähe des Fahrzeugs, damit sie nach dem Abschleppen gleich Einparken können.” Nach einer weiteren Stunde kommt der Wagen. Ich kann endlich einparken. Im Sommer sitze ich bei meinem Lieblings-Spanier gegenüber und esse. Im Winter ist das nur lästig, nervt und grenzt an Körperverletzung und Nötigung.
Im letzten Winter habe ich meinen Wagen auf dem breiten Bürgersteig neben den Falschparker gestellt. Am nächsten Morgen hatte ich ein Ticket an der Scheibe. Grund der Verwarnung: “Parken mit Behinderung” Ich habe diese Gelder nicht bezahlt, sondern dem Ordnungsamt mitgeteilt, dass ich gar nicht daran denke, meine Zeit mit Warten auf Polizei und Abschleppdienst zu verbringen, nur weil Ignoranten meinen Parkplatz besetzen. Die Sache ging daraufhin vors Gericht. Das hat mich nun zur Zahlung von Bußgeldern in Höhe von 185€ für dreimal Falschparken verurteilt. Wenn ich nicht binnen 1 Woche bezahle, droht mir Erzwingungshaft.
Ich habe eine feste Verabredung mit SAT 1 und der Bildzeitung. Wenn sie mich abholen, gibt es eine Geschichte. “Berliner Justiz sucht Hafplatz für Rollifahrer. Haftgrund: Parken mit Behinderung.”
Offener Brief an die Direktion der Berliner Verkehrsbetriebe
Berlin, den 23.9.09
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich nahm gestern gegen 18.30 Uhr die Buslinie 131 vom Spektefeld in Richtung Magistratsweg in Berlin-Spandau.
Der Busfahrer, der bereits beim Verlassen seines Busses äußerst unwillig wirkte, klappte die Rampe an der hinteren Einstiegstür um. Ich stand vor der steilen Rampe und bat den Busfahrer, mich hinaufzuschieben. Der stellte sich hinter mich, packte meine Schultern, statt die Schiebegriffe zu benutzen, und schubste mich, mehr als er schob, mit einer äußerst groben, schmerzhaften Bewegung in den Bus. Als ich die rücksichtslose Behandlung beklagte, stand er mit dem Widerhaken in der Hand vor mir und sagte patzig. „Dann musste deinen Rücken nach vorne beugen.“ Ich verwahrte mich gegen das Duzen und hörte nur. „Eigentlich sagt man Dankeschön“
Da Busfahrer nicht verpflichtet sind, ihren Namen zu nennen, war die Frage danach von vornherein sinnlos.
Ich beschwere mich daher auf diesem Weg über das Verhalten dieses Fahrers und erwarte, dass Sie dem Vorgang nachgehen.
Im Übrigen ist das geschilderte Verhalten in seiner Ausprägung zwar ein Extremfall. Es steht aber in einer Reihe von Vorfällen, die mich und andere Rollstuhlfahrer immer wieder belästigen, teils sogar demütigen. Am selben Tag fragte mich vormittags der Fahrer des TXL auf dem Weg vom Alex zur Friedrichstraße: „Wo will der Rollstuhl raus?“
Vor einigen Wochen bat ich in Treptow einen Fahrer um Hilfe beim Einstieg. Der fragte mich nur: „Könnse nicht einfach was abnehmen?“
Regelmäßig erlebe ich Busfahrer, die nur mit äußerstem Unwillen bereit sind, Hilfe beim Einstieg zu leisten. Gerade für Rollstuhlfahrer, die allein unterwegs sind, ist die Rampe für den selbständigen Einstieg oftmals zu steil. Häufig sind Äußerungen von Fahrern zu hören, wie „Ist nicht meine Aufgabe, zu helfen“, oder: „Ausnahmsweise“, oder: “Eigentlich nicht.“
Ich bitte Sie um Auskunft, ob es einem Busfahrer möglich ist, die an sich zumutbare Hilfe beim Hochfahren der Rampe zu verweigern. Falls dem so ist, erwarte ich Auskunft darüber, wie man Ihrer Ansicht nach mit dem Rollstuhl eine Rampe überwinden soll, die oftmals die 6% DIN Norm deutlich überschreitet.
Insgesamt vermittelt mir das hier geschilderte Verhalten der Fahrer, im Zusammenwirken mit den baulichen Barrieren, den Eindruck, lediglich geduldeter Fahrgast 2. Klasse zu sein.
Ihre Antwort gespannt erwartend, grüße ich Sie freundlich.
Ende der Blog-Ruhe!
Fast hätte ich Entzugserscheinungen bekommen, so sehr hat mir mein täglich dashboard gefehlt. Nach drei Wochen Bettruhe, einer Druckstelle wegen, hat mich seit gestern der Alltag wieder. Vermisst habe ich nicht nur das Bloggen, sondern auch das Biken. Bei einer Fahrt durch die Stadt, heute Vormittag, waren die blauen Wegmarkierungen für die Teilnehmer des Marathons vom vergangenen Wochenende nur noch blass zu sehen. Statt mitzufahren, habe ich das Geschehen wehmütig auf der Mattscheibe verfolgt. Einzig realer Bezug: Besuch von zwei Schweizer Marathoni, die mit ihren Bikes ein tolles Rennen fuhren.
Dass es nun munter weitergeht, entnehmt ihr gleich dem nächsten Beitrag
Auf dem Kollwitzplatz nachts um halb eins….
Gestern Nacht, Ecke Sretzkistraße/Kollwitzstraße. Ich fahre auf der Straße, weil die Bürgersteige in schlechtem Zustand sind und eine Unfallgefahr darstellen. Zugegeben, ohne Licht. Auf mich kommt ein S-Klassen Mercedes zu. Er weicht nicht aus, ich auch nicht. Der wird schon halten, denke ich. Das tut er dann auch. Ein Mann zeigt aus, ich erkenne kaum Kontraste: ein Schwarzer. Ein Hüne von Mann baut sich wütend vor mir auf und ruft aufgeregt in akzentfreiem Deutsch: “ Was glauben sie denn, man sieht sie nicht im Dunkeln.” Ich bleibe ruhig und sage nur: “Was regen Sie sich so auf, das haben wir doch gemeinsam.” Wütend kehrt er zu seinem Auto zurück, legt den Rückwärtsgang ein und braust davon.
Lieber arm dran, als Arm ab?
Eine Bank in Tampa, im US-Bundesstaat Florida, verweigerte einem ohne Arme geborenen Mann die Einlösung eines Barschecks. Die Begründung: Er konnte keinen Fingerabdruck hinterlassen, um sich zu identifizieren. Steve Valdez wollte einen Scheck von seiner Frau einlösen, als der Schalterbeamte einen Fingerabdruck verlangte. Er habe zwei Dokumente zur Identifizierung vorgelegt, die beide nicht anerkannt worden seien. Erst, nachdem die Geschichte öffentlich wurde, entschuldigte sich die Bank.
“Wir müssen draußen bleiben!” Rollstuhlfahrer erhält Saunaverbot
Die Süddeutsche Zeitung berichtet heute von einem Rollstuhlfahrer, der aufgefordert wurde, die hoteleigene Sauna nicht mehr zu benutzen, weil Gäste der Anblick des Behinderten depremiere . Der Chef des Hotel Jagdhof im Bayerischen Wald, Josef Ritzinger, gegenüber der SZ: “Ich an seiner Stelle würde anderen den Anblick dieses schlimmen Schicksals nicht zumuten wollen.”
Die meisten Hoteliers handeln da übrigens konseqenter. Sie planen ihre Wellnessbereiche gar nicht erste barrierefrei. Sauna und Schwimmbad sind nur in Ausnahmen für Behinderte zugänglich. Wenn es körperlich wird, sperrt man Körperbehinderte (von geistig Behinderten ganz zu schweigen) gern aus und versteckt sich auf Nachfrage hinter baulichen Zwängen.
Stich ins Herz II – Vox populi?
Wie nahe das Thema Abtreibung in meinen Alltag hinreicht, habe ich vor einem halben Jahr noch erfahren. In den Monaten zuvor hatte ich mit dem Sardischen Zentrum in Berlin kollegial, freundschaftlich und konstruktiv in Sachen Entführungsfall Besuch zusammengearbeitet. Die Sarden hatten übersetzt, Bescheinigungen aus Italien besorgt und in jeder Weise geholfen. Eines Abends sitze ich mit dem Chef des Zentrums, Dr. Alberto M. beim Italiener und drehe Nudeln. Zwei Jungs im fortgesetzten Alter parlieren über das Leben und die Liebe, trinken Rotwein. Der eine ist Sarde, promovierter Biologe, 47, und will Vater werden. Das reizt mich zur der Frage, wann für ihn als Biologen das Leben beginnen würde. Ohne zu zögern: ”Bei der Befruchtung der Eizelle”. Wenn er das so apodiktisch sage, dann sei Abtreibung schließlich doch nichts anderes als Mord, meine ich.
Das stimmt er zu, macht aber eine bewusste Ausnahme, die er sehr ziseliert vorträgt. “Im Fall von Missbildungen”- und dann fällt ausgerechnet der Begriff Contergan- würde er auf jeden Falle “eine Abtreibung machen lassen”. Ich habe den Tisch verlassen und jeden Kontakt mit diesem sardischen Eugeniker eingestellt.
Nein, das ist kein Einzelfall und nervt und schmerzt eben deswegen umso mehr.
Ein gerühmter Professor der Erziehungswissenschaften, ein, seiner lebendigen Bildsprache wegen prämierter Kameramann, alles solide, gestandene Leute aus dem näheren Bekanntenkreis, die plötzlich in trauter Runde ihre Vorstellung von der Unerträglichkeit behinderten Lebens präsentieren und ihren Vernichtungsphantasien freien Lauf lassen.
Ein jüdischer Freund hat mir neulich anvertraut, dass er sich manchmal einsam fühle, weil er Kontakte mit Menschen abbrechen muss. Erst baue sich eine freundschaftliche Nähe auf, erzählt er, und dann packt jemand beiläufig beim Essen den verbalen Vorschlaghammer aus der Tasche und erklärt, mal eben, dass die Juden aus Auschwitz nichts gelernt hätten.
Für ihn sei dann sofort Schluss.
Ich habe diesen Freund gut verstanden.
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