“Rainer war kein Playboy” – Ulrike Besuch erinnert sich
Ulrike Besuch, 62, ist die Schwester des 1978 auf Sardinien entführten und ermordeten Rainer Besuch. Sie äußert sich hier erstmals über ihren Bruder und ihre Erinnerungen an die Zeit der Entführung
Mein Bruder rief mich im Mai des Entführungsjahres aus Sardinien an, und fragte mich in der für ihn typischen Art, die manchmal etwas Unvermitteltes an sich haben konnte: „Die Anthroposophen glauben doch an ein Leben nach dem Tod!?!“Da die Frage so unmittelbar im Raum stand, wollte ich ihr etwas von ihrem Gewicht nehmen und antwortete: „Ja, aber auch an ein Leben vor dem Tod…“
Ich lachte, um der Schwere dieser Frage zu entkommen. Damit war unser Gespräch beendet.
In der Zeit muss auch die Vergiftung seines Hundes stattgefunden haben. Ich habe Rainer in dem Zeitraum nicht gesehen. Da aber von einer zunehmenden inneren Zerrissenheit und einem getrieben sein in der Phase berichtet wird, gehe ich davon aus, dass er von bösen Vorahnungen geplagt war.
Irgendwann entdeckte ich in seinem Schlafzimmer, wo ich etwas suchte, eine Pistole.
Ein scheuer Mensch- Kindheit im Schatten der Flucht
Unsere Eltern ermöglichten uns einerseits eine schöne Kindheit mit viel Freiheit, Freiraum und mit einem gewissen musischen Hintergrund. Andrerseits hatte Rainer als Kriegsflüchtlingskind, der als kleiner Säugling 8 Monate im kalten Winter mit unserer Mutter auf der Flucht war, mit traumatischen Erlebnissen umzugehen. Im Grunde muss er eine tiefe Liebe und Sehnsucht nach Anerkennung durch unseren Vater in sich getragen haben und war aus meiner Sicht von dem Wunsch beseelt, unserem Vater (auch noch nach dessen Tod) zu zeigen, was in ihm steckt. . Er fühlte sich da dem Erbe unseres Vaters verpflichtet, den von der ersten Begegnung mit der Insel an jeder einzelne Felsen faszinierte und der eine große Liebe für dieses Land hatte und unter größten Entbehrungen monatelang in einem zerrissenen Zelt hauste, den Elementen ausgesetzt, um den Bau des ersten schlichten Häuschens zu begleiten. Mit den Traumata der Flucht ging er offensiv um. Er ging nach außen, um seiner Scheu und Verschlossenheit Herr zu werden und fand vielleicht manchmal nicht den richtigen Ton. Vielleicht bewirkte dies, dass manche seiner Mitmenschen ihn als arrogant oder ruppig empfanden. Denn er war in der Tiefe seiner Seele sehr einsam. Besonders spürte er das, wenn der Sommer mit seinem „Highlife“ vorbei war und er mit seinem Gefühl bedroht zu werden, dem Meer und seinem Feuer am Kamin allein war. An solchen Abenden musste allerdings so manche Flasche Rotwein dran glauben.
Während der Entführung. Allein im Haus am Meer
Am Tag, an dem ich durch Rainers Münchner Anwalt von der Entführung erfuhr bat er uns, wir möchten uns zur Unterstützung unserer Mutter und Rainers damaliger Freundin nach Sardinien begeben.
Drei Monate, blieben wir ohne polizeilichen Schutz im einsamen Haus am Meer, einfach, um die Mannschaft zu verstärken, die sich so manche Nacht um die Ohren schlug, nie wissend, was donnert gegen die Holzfensterläden, ist es der starke Wind, oder haben sich die Banditen etwas Neues ausgedacht? Es gab im September nicht mehr viele Feriengäste. Lediglich der kleine Gärtner Pasqualino hatte Erbarmen mit uns verschreckten Geschöpfen und brachte manche Nacht bei uns zu, denn er war unverheiratet.
Alle Schritte wurden mit dem Münchner Anwalt von Rainer besprochen, der uns in sehr einfühlsamer Weise größtenteils von München aus begleitete. Die Einzelheiten, was damals geschah, welche Summen wann flossen, wer was bereitstellte und ähnliches, ist alles bei der Polizei festgehalten, viele Details aus dieser schweren Zeit hat mein Gedächtnis ausgeblendet, verdrängt. Es war mir alles eine Nummer zu groß, zu fremd, zu unfassbar.
Dass Gianni Mossa die einzig in Frage kommende Person war, mit den Banditen zu verhandeln, darin waren wir mit meinem Bruder unabhängig voneinander völlig einer Meinung: Ihn kannten wir von früher Jugend an, er genoss unser aller uneingeschränktes Vertrauen, er kannte sich aus mit den Verhältnissen hier, und er war ein wirklicher Freund, wie man ihn heute nicht mehr findet. Wir dachten nicht daran, dass das Ganze nicht gut ausgehen würde. Wir lebten in der Hoffnung, dass Rainer zurück kommen würde und ahnten nichts von der Bürde, den der unglückliche Ausgang der Entführung für jeden Einzelnen von uns mit sich bringen würde.
Ein später Dank
Es gab eine große Welle der Hilfsbereitschaft und Geld wurde vorzeitig zur Verfügung gestellt oder geliehen, um das Lösegeld aufzubringen. Ich möchte hier die Gelegenheit ergreifen, meinen so äußerst verspäteten Dank auszusprechen an die vielen hilfsbereiten Menschen, vor allem die Schauspieler Mirjam Dreyfuß, mit ihrem Lebensgefährten Carlos Werner. Sie zeigten bei einer Geldtransaktion sehr viel Mut, Engagement und Opferbereitschaft. Der auch inzwischen verstorbene Hans-Jörg Felmy stellte einen Betrag früher als vertraglich für einen Hausbau vorgesehen war zur Verfügung, ebenso Götz George, dem ich nachträglich auch im Namen meiner 1993 verstorbenen Mutter noch herzlichen Dank sagen möchte, ebenso Herrn Hanno Gebbing, Peter Kaiser und Dr. Gnass.
Sicher gab es noch viele, die auch erwähnt werden müssten, nur bitte ich um Verständnis, dass nicht alle erwähnt werden können. Dass die Reaktion so spät kommt, hängt damit zusammen, dass wir alle wie gelähmt waren – und vielleicht bin ich es auch noch immer. Aber dieses Schreiben im Internet ist ein erster Schritt
Schädelfund -Zusammenhang mit Besuch unwahrscheinlich
Die sardischen Behörden gehen zur Zeit davon aus, dass der vor zwei Wochen in der Nähe von Urzulei gefundene menschliche Schädel zur Leiche des 1978 entführten Ferrari Ingenieurs Giancarlo Bussi gehört. Bussi wurde in der Nähe des heutigen Fundortes aus seiner Wohnung verschleppt und tauchte nie weider auf. Zur Zeit finden DNA-Untersuchungen statt. Mit einem Ergebnis ist jedoch nicht vor Anfang September zu rechnen.
“Die Omertá gilt noch immer” – Ein Gespräch mit Peter Höh
Ein Besuch des Sardinienforum im Internet war für mich der Beginn einer langen Recherche über das Schicksal des 1978 auf Sardinien entführten deutschen Bauunternehmers Rainer Besuch. Im Juni des vergangenen Jahres wurde ich auf einen Dialog von Forumsmitgliedern zur Person Rainer Besuch aufmerksam.
Kurz darauf saß ich in einem Garten in Kleinmachnow, nahe Berlin, bei Kaffe und Kuchen , einem freundlichen Kollegen gegenüber, der mich in die Geheimnisse der Mittelmeerinsel einweihte und etliche gute Tipps und Empfehlungen gab.
Peter Höh muss es wissen. Er ist Autor eines renommierten Reiseführers und seit Jahren Veranstalter eines sehr gut besuchten Internetforums. Sein Reiseführer Sardinien erscheint nächstes Jahr in der 6. Auflage.
Das Forum besuchen täglich über 1.000 Menschen auf der Suche nach Reisetipps und Inselinfos jeder Art.
Bis vor wenigen Jahrzehnten galt selbst den Italienern Sardinien noch als ” die vergessene Insel.”
Die Firma des Agha Khan begann in den 60er Jahren die Costa Smeralda zu erschließen. Eigentlich, so erzählen sich Kenner, wollte der Agha Khan in den Buchten südlich von Olbia bauen. Doch da hatte bereits die Familie Besuch gekauft.
Seit dreißig Jahren reisen nun jährlich zehntausende Deutsche auf die Mittelmeerinsel. Jährlich steigen die Übernachtungszahlen um 20%.
Noch immer wird die Hirtenkultur der Insel mit einer wilden Robin Hood-Romantik in Verbindung gebracht, obwohl die Sarden emsig an einem Imagewandel arbeiten.
Bei näherem Hinsehen erweist sich die Romantik freilich als schwer zu enträtselndes oft brutal-archaisches Überlebensrezept einer Inselbevölkerung, die sich über Jahrhunderte gegen Fremdherrschaft zu wehren hatte.
Hören Sie Peter Höh im Gespräch mit mir, über die archaischen Gesetze des Lebens, die immer noch den Alltag bestimmen und das Wesen der gastfreundlichen Sarden, dass dem gewöhnlichen Touristen aber meist verborgen bleibt.
http://polis-film.de/Peter_Hoeh_Interview_final.mp3
Bücher von Peter Höh
Rainer Besuch: Der Schädel in der Schlucht
“Beppe”, ein Mitglied des Sardinienforum hat auf einen Artikel in der sardische Tageszeitung La Nouva Sardegna aufmerksam gemacht. Danach ist in einer felsigen Gegend bei Urzulei, im mittleren Osten der Insel, ein menschlicher Schädel gefunden worden. Der Schädel habe nach Vermutungen von Behörden etwa 30 bis 40 Jahre dort gelegen. Spekulationen zu Folge könnte der Kopf von einem Entführten stammen, der nie wieder augetaucht ist. In Frage kommen neben Rainer Besuch,der 1978 entführt wurde, Attilio Mazzella (1975)
Giancarlo Bussi (1978).
Mein Kollege, Federico Falchi, ist im Gespräch mit den sardischen Behörden und hat bereits eine DNA-Probe von seiner Frau Christina, der Tochter von Rainer Besuch, angeboten.
Mordfall Besuch:Deutsche Staatsanwaltschaft nicht zuständig
Die Staatsanwaltschaft beim Münchner Landgericht wird im Entführungs-und Mordfall Rainer Besuch kein Ermittlungsverfahren eröffnen.
Wie der Pressesprecher der Staatsanwälte, Anton E. Winkler, heute auf auf meine Anfrage mitteilte, schließe der Tatort Sardinien und die mutmaßliche Täterschaft von Italienern eine deutsche Zuständigkeit eindeutig aus.
“Ganz diffuse Ängste…”- Christina Falchi, Tochter von Rainer Besuch
Du warst vier Jahre alt, als Dein Vater entführt wurde. Es gibt Bilder, auf denen sieht man Dich mit deinem Vater, erinnerst Du dich daran?
Ich habe dieses Bild gesehen, wo ich an seiner Hand laufe und habe ich gedacht: „Warum erinnere ich mich nicht an diesen Moment?“ Ich war schon ein richtig großes Mädchen und bin alleine da gelaufen.
Ich habe immer diesen Punkt gesehen zwischen meiner Hand und seiner Hand, aber keine Erinnerung.
Ein ganz komisches Gefühl.
Es könnte auch sein, dass ich alles verdrängt habe, irgendwelche Selbstschutzmechanismen haben mich das vergessen lassen.
Ich erinnere mich an einen Moment, wo ich mit meiner Mutter diesen Weg zu unserer Villa runter gelaufen bin und irgendwie gemerkt habe, meine Mutter hat Angst.
Das war bedrohlich?
Ja. Diese Bedrohung die war mit Sicherheit da. Ich erinnere mich schon an so was wie Stimmungen oder Reaktion von meiner Oma oder meiner Mutter.
Wie hat es dich beeinflusst, dass dein Vater Opfer eines Verbrechens wurde?
Ich habe ganz diffuse Ängste vor Gewalt oder z.B. vor Polizisten, vor Waffen.
Immer, wenn ich damit in Berührung komme oder Leute treffe, die mich aus der Zeit daran erinnern. Da kommt irgendwas hoch. Dann bin ich in komischen Zuständen, also das kommt aus meinem Unterbewusstsein raus. Das kann ich in dem Moment nicht auffangen. Mittlerweile kann ich das einordnen und das relativ schnell. Aber am Anfang war das wirklich erschreckend und ich dachte, wenn ich mal mein Kind habe, das soll mir auf keinen Fall passieren. Und ich will was dagegen tun demnächst.
Hast Du von deinem Vater geträumt?
In der Pubertät habe ich ständig von ihm geträumt. Ich wache auf und er liegt neben mir, wie in einem Horrorfilm und dann auf einmal setzt er sich hoch auf. Also als eine Leiche… Das habe ich ganz oft geträumt – und natürlich, dass ich ihn treffe, das ist ein klassischer Traum, wahrscheinlich auch bei Leuten, die verschollen sind. Also, im Nachhinein merke ich halt, dass er schon viele Phasen meines Lebens beeinflusst hat.
Hattest du mal Aggressionen gegen ihn?
Also ich war schon als Kind oder Jugendliche oft sauer, dass er uns verlassen hat. Er hat nur Ärger und Aufregung verursacht.
Was würdest du ihm sagen, wenn Du vor ihm säßest?
Irgendwie gibt es die Möglichkeit ja, dass er lebt. Die meisten sagen natürlich, das ist völliger Quatsch. Aber solange niemand Nichts gefunden hat, gibt es die Möglichkeit irgendwie. Ich kann alles nicht beurteilen, wie das gelaufen ist. Ich habe überlegt, wenn er echt kommen würde und man rausfindet, dass er alles inszeniert hat…
Im Moment sieht es aus wie ein Heldentod und das wäre ja völlig umgedreht und dann würde ich ihn, glaube ich, nehmen und sagen: jetzt bring mal das alles in Ordnung und dann wieder ab ins Flugzeug. Geh hin, woher du gekommen bist. Ich weiß es nicht, aber er hat uns hier wirklich so ein richtige „Haufen Mist“ hinterlassen.
Hast Du Zwiesprache mit ihm gehalten?
Sicher. Das kann man gar nicht alles erzählen, das waren richtige Dialoge. Während der Schwangerschaft habe ich ganz viel mit ihm kommuniziert. Er hat mir meine Oma näher gebracht und wollte, dass wir uns vertragen, weil ich der Meinung bin, sie hätte mehr machen können.
Rainer Besuch – der Mann, die Insel, die Freunde und Stine
Fern ab von aller Professionalität in Sachen Bildgestaltung haben wir die inzwischen aufgetauchten Super 8 Filme über Rainer Besuch mit ein paar Interviews verwoben, die uns , mit einer Amateurkamera aufgezeichnet, Freunde, Geschäftspartner und Verwandte gegeben haben. Zu Wort kommt auch Christina Falchi, die Tochter von Rainer Besuch.
Was geschah mit Rainer Besuch? Protokoll einer Recherche Teil IV
Am 18. September 1978 gegen 22.30 wird der Bauunternehmer Rainer Besuch aus seinem Haus in Porto Taverna an der Nordostküste Sardiniens von Unbekannten verschleppt. Besuch hatte sich in den Monaten zuvor mit dem Barbesitzer D. einen Konkurrenzkampf um den Erwerb eines Grundstückes geliefert. Besuch ist schneller, schließt einen Optionsvertrag ab und zahlt. Wenige Monate vor Fälligkeit der zweiten Rate, mit deren Zahlung er die Option gezogen hätte, wird er entführt.
Gianni Mossa, ein 25-jähriger Lehramtsstudent, ist der engste Freund von Rainer Besuch. Am Vormittag des19. September hört er im Autoradio von der Entführung und fährt sofort zum Haus von Besuch. Das Gebäude ist von der Polizei abgeriegelt und wird von den Medien umlagert. Die Entführung des Deutschen ist eine Sensation. Weiterlesen »
Rainer Besuch auf Sardinien-die Fotos
Copyright Ulrike Besuch und Polis Film GmbH Berlin 2009








Arbeiter der Firma Besuch
Was geschah mit Rainer Besuch? Protokoll einer Recherche Teil III
Das Bau-Geschäft von Besuch expandiert schnell. Die gesamte Fläche, die der Vater einst gekauft hat, steht ihm als Bauland zur Verfügung. Und es wird ständig nachgekauft. Bei den Baugenehmigungen mag geholfen haben, dass Besuch der Gemeinde San Teodoro den Neubau eines Schulgebäudes schenkt.
Der Erlös eines verkauften Hauses reicht, um drei weitere Gebäude zu errichten.
Die Kunden sind ein buntes Volk junger Aufsteiger aus München. Rechtsanwälte, Makler, Psychologen und als Blickfang Prominenz. May Spills und Werner Enke gehören zu den ersten Kunden, Hans-Jörg Felmy lässt sich ein Haus bauen, Filmmusik-Komponist Martin Böttcher, der Schauspieler Carlos Werner sind Kunden von Besuch. Als letzer kommt, kurz vor der Entführung von Besuch, Götz George, der ein Grundstück ganz oben auf dem „deutschen Hügel“ in Lu Fraili kauft. Weiterlesen »
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