Theaterbesuch II- Ein Abend in der Schaubühne
Der Eindruck verfestigt sich: Spontane Theaterbesuche sind in Berlin für Rollstuhlfahrer nur möglich, wenn man lügt oder sich Karten an der Kasse vorbei besorgt. (s. Beitrag “Ein Abend im BE”) Vor 14 Tagen gastierte das Theaterprojekt „Die Dritte Generation“ in der Schaubühne. Israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler reflektieren die Wechselbeziehungen von Schuld und Schuldgefühlen im Angesicht von Shoah und Israel-Palästina Konflikt. Da ich gerade eine Nahost-Reise vorbereite und zu den Themen veröffentlicht habe, wollte ich mir das anschauen. Telefonische Auskunft des freundlichen Herrn an der Kasse, einen Tag vor der Aufführung: Es gibt noch Karten! Auf meinen Hinweis, dass ich Rollstuhlfahrer bin, gibt es für mich keine Karte mehr. „ Das müssen sie mehrere Tage vorher anmelden. Es muss ein Sitz rausgenommen werden. Dafür reicht die Zeit nicht mehr.“ Ehe ich mit dem Mann einen fruchtlosen Streit beginne, stelle ich mich als Journalist vor und frage nach der Presseabteilung. Der dort tätigen Dame verschweige ich meine Behinderung. Ich stelle mich als Autor vor, der für eine israelische Zeitung über die Aufführung berichten soll. So klappt es problemlos. Nach zehn Minuten habe ich mein Presseticket per mail. Als ich abends zur Vorstellung ins Theater komme, ist das Erstaunen groß. Die Kollegin von der Presseabteilung habe nicht gewusst, dass ich im Rollstuhl sitze, sonst wäre das nicht gegangen, wird mir beschieden. Ich werde von drei Platzanweiserinnen mehrfach auf betulich-unangenehme Weise angesprochen, dass man „darauf“ nicht vorbereitet sei. Ich werde gebeten, möglichst nicht im Weg zu stehen und als letzter in den Zuschauerraum zu fahren, “ wegen der Sicherheit“. „Aber bitte ganz dicht an die Stuhlreihen, so dass sie nicht im Gang stehen.“ Der Zuschauerraum der Schaubühne ist ein großzügiger, hallenartiger Raum, mit stufenartig hinaufführenden Sitzreihen, einem Hörsaal ähnlich. Vor den Sitzreihen und daneben, meterweise Platz. Bevor die Türen geschlossen werden, wichtigtuerisches Getuschel der Ordnerinnen mit Blick auf mich.
Zum Vorstellungsbeginn eine hübsche Aufmerksamkeit. Einer der deutschen Schauspieler hält eine Einführungsrede und begrüßt besonders die anwesenden Juden, Schwulen, Zigeunern und Behinderten. Er entschuldigt sich ergriffen für die durch die Nazis erlittene Verfolgung.
Alles gut soweit. Ich konzentriere mich auf das Stück. Die peinliche Sonderbehandlung durch die Ordnerinnen gerät in Vergessenheit. Beim Rausfahren nach der Vorstellung bin ich im Gespräch mit einem Kollegen, fahre schwungvoll durch eine offene Tür und will ins Freie. Rums! Ich kippe mit dem Rollstuhl zwei von innen nicht sichtbare Stufen runter und liege auf der Straße, der Stuhl über mir, die Räder drehen in der Luft. Vier Leute hieven mich sofort in den Stuhl zurück. Ein Bediensteter eilt herbei und fragt, ob ich verletzt bin. Seit Jahren wolle man Innen ein Schild anbringen „Achtung Stufe“, sagt er und trottet davon.
Parken mit Behinderung
Es ist wunderbar, das Christiane Link mit dem Titel ihres Blogs Behíndertenparkplatz auf das Thema aufmerksam macht. Aber lesen es die notorischen Falschparker?
Ich habe einen eigens mit Nummer reservierten Parkplatz vor meiner Haustür. Den Platz zu reservieren, bedeute für mich zwei Tage Vollbeschäftigung mit Behördenkram.
Seit Jahren zwei, drei Mal in der Woche die gleiche Prozedur. Ich will einparken und siehe da: der Parkplatz ist besetzt. Der Prenzlauer Berg ist ein beliebtes Amüsierviertel, mit zahllosen Kneipen, Clubs und Restaurants. Abends einen freien Parkplatz zu bekommen: beinahe ein Unding.
Der Missbrauch meines Parkplatzes heißt für mich bis zu 2 Stunden Zeitverschwendung. Ich rufe per 110 eine Streife, die manchmal erst nach einer Stunde kommt. O-Ton Polizei: “Sie halten sich bitte in der Nähe des Fahrzeugs auf”. Nach Eintreffen der Streife folgen ein 20-minütiger Check meiner Daten und eine Ermittlung des Falschparkers, der ja möglicherweise nebenan wohnt. Wenn das nicht fruchtet, wird ein Abschleppwagen gerufen. O-Ton Polizei: “Sie bleiben bitte in der Nähe des Fahrzeugs, damit sie nach dem Abschleppen gleich Einparken können.” Nach einer weiteren Stunde kommt der Wagen. Ich kann endlich einparken. Im Sommer sitze ich bei meinem Lieblings-Spanier gegenüber und esse. Im Winter ist das nur lästig, nervt und grenzt an Körperverletzung und Nötigung.
Im letzten Winter habe ich meinen Wagen auf dem breiten Bürgersteig neben den Falschparker gestellt. Am nächsten Morgen hatte ich ein Ticket an der Scheibe. Grund der Verwarnung: “Parken mit Behinderung” Ich habe diese Gelder nicht bezahlt, sondern dem Ordnungsamt mitgeteilt, dass ich gar nicht daran denke, meine Zeit mit Warten auf Polizei und Abschleppdienst zu verbringen, nur weil Ignoranten meinen Parkplatz besetzen. Die Sache ging daraufhin vors Gericht. Das hat mich nun zur Zahlung von Bußgeldern in Höhe von 185€ für dreimal Falschparken verurteilt. Wenn ich nicht binnen 1 Woche bezahle, droht mir Erzwingungshaft.
Ich habe eine feste Verabredung mit SAT 1 und der Bildzeitung. Wenn sie mich abholen, gibt es eine Geschichte. “Berliner Justiz sucht Hafplatz für Rollifahrer. Haftgrund: Parken mit Behinderung.”
Offener Brief an die Direktion der Berliner Verkehrsbetriebe
Berlin, den 23.9.09
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich nahm gestern gegen 18.30 Uhr die Buslinie 131 vom Spektefeld in Richtung Magistratsweg in Berlin-Spandau.
Der Busfahrer, der bereits beim Verlassen seines Busses äußerst unwillig wirkte, klappte die Rampe an der hinteren Einstiegstür um. Ich stand vor der steilen Rampe und bat den Busfahrer, mich hinaufzuschieben. Der stellte sich hinter mich, packte meine Schultern, statt die Schiebegriffe zu benutzen, und schubste mich, mehr als er schob, mit einer äußerst groben, schmerzhaften Bewegung in den Bus. Als ich die rücksichtslose Behandlung beklagte, stand er mit dem Widerhaken in der Hand vor mir und sagte patzig. „Dann musste deinen Rücken nach vorne beugen.“ Ich verwahrte mich gegen das Duzen und hörte nur. „Eigentlich sagt man Dankeschön“
Da Busfahrer nicht verpflichtet sind, ihren Namen zu nennen, war die Frage danach von vornherein sinnlos.
Ich beschwere mich daher auf diesem Weg über das Verhalten dieses Fahrers und erwarte, dass Sie dem Vorgang nachgehen.
Im Übrigen ist das geschilderte Verhalten in seiner Ausprägung zwar ein Extremfall. Es steht aber in einer Reihe von Vorfällen, die mich und andere Rollstuhlfahrer immer wieder belästigen, teils sogar demütigen. Am selben Tag fragte mich vormittags der Fahrer des TXL auf dem Weg vom Alex zur Friedrichstraße: „Wo will der Rollstuhl raus?“
Vor einigen Wochen bat ich in Treptow einen Fahrer um Hilfe beim Einstieg. Der fragte mich nur: „Könnse nicht einfach was abnehmen?“
Regelmäßig erlebe ich Busfahrer, die nur mit äußerstem Unwillen bereit sind, Hilfe beim Einstieg zu leisten. Gerade für Rollstuhlfahrer, die allein unterwegs sind, ist die Rampe für den selbständigen Einstieg oftmals zu steil. Häufig sind Äußerungen von Fahrern zu hören, wie „Ist nicht meine Aufgabe, zu helfen“, oder: „Ausnahmsweise“, oder: “Eigentlich nicht.“
Ich bitte Sie um Auskunft, ob es einem Busfahrer möglich ist, die an sich zumutbare Hilfe beim Hochfahren der Rampe zu verweigern. Falls dem so ist, erwarte ich Auskunft darüber, wie man Ihrer Ansicht nach mit dem Rollstuhl eine Rampe überwinden soll, die oftmals die 6% DIN Norm deutlich überschreitet.
Insgesamt vermittelt mir das hier geschilderte Verhalten der Fahrer, im Zusammenwirken mit den baulichen Barrieren, den Eindruck, lediglich geduldeter Fahrgast 2. Klasse zu sein.
Ihre Antwort gespannt erwartend, grüße ich Sie freundlich.
Ende der Blog-Ruhe!
Fast hätte ich Entzugserscheinungen bekommen, so sehr hat mir mein täglich dashboard gefehlt. Nach drei Wochen Bettruhe, einer Druckstelle wegen, hat mich seit gestern der Alltag wieder. Vermisst habe ich nicht nur das Bloggen, sondern auch das Biken. Bei einer Fahrt durch die Stadt, heute Vormittag, waren die blauen Wegmarkierungen für die Teilnehmer des Marathons vom vergangenen Wochenende nur noch blass zu sehen. Statt mitzufahren, habe ich das Geschehen wehmütig auf der Mattscheibe verfolgt. Einzig realer Bezug: Besuch von zwei Schweizer Marathoni, die mit ihren Bikes ein tolles Rennen fuhren.
Dass es nun munter weitergeht, entnehmt ihr gleich dem nächsten Beitrag
Solidarität mit Zeca Schall
Wer dem in Thüringen ins Visier der NPD geratenen schwarzen CDU-Politiker Zeca Schall eine aufmunternde Nachricht schicken möchte, der kann das unter folgender Adresse tun.
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