Jürgen Hobrecht Logbuch

Ein Abend im BE (Berliner Ensemble)

Samstag 17.00 Ein Besuch hat abgesagt. Kein Problem. Berlin ist eine Weltstadt. Langweilig wird es schon nicht. Ich gehe auf www. berlin.de und gucke, was die Bühnen zu bieten haben. Im Gorki Theater läuft eine Bearbeitung von Bernward Vesper „Die Reise“. Das Tagebuch des Will Vesper-Sohnes und Gudrun Ensslin-Gatten, der sich nach einem rastlosen Reise-Schreib-und Drogenexzess 1971 das Leben genommen hat. Das Buch hat mich ungeheuer inspiriert beim meinem autobiografischen Buch „Du kannst mir nicht in die Augen sehen“, zehn  Jahre später. Das Stück muss ich sehen. Anruf an der Theaterkasse. Es gibt noch Karten. Auf meine Frage,“ ist ihr Haus rollstuhlzugänglich?“ folgt ein klares Ja. Nach kurzem zögern fragt die Frau am Telefon,“ ist das für heute, mit dem Rollstuhl?“ Ich bejahe. „Das geht nicht. Der Rollstuhl muss drei Tage vorher angemeldet werden“, sagt sie barsch. Mein Einwand, dass sie mir eben noch eine Karte verkaufen wollte, zählt nicht. 
Drei Tage vorher Anmeldung, aus Sicherheitsgründen, und: weil ein Sitz erst aus der Reihe montiert werden muss. Theaterbesuch ist für Rollstuhlfahrer spontan in Berlin nur in der Volksbühne möglich, ansonsten klare Regelung: mehrere Tage vorher anmelden. So wurde es mir bei der Schaubühne  kürzlich noch anlässlich einer Sarah Kane Aufführung gesagt. Besonders bösartige Ausmaße nahm im März ein Besuch im Peymannschen Brecht Ensemble  an.        

Ich hatte  gegen 17.00 die Theaterkasse des  Hauses angerufen und erfahren, dass es für das Program Polt/Biermösl Blosn noch Karten an der Abendkasse gibt.

Gegen 19.00 Uhr traf ich ein und stieß auf eine Bekannte, die von ihrer Begleitung versetzt worden war und mir daher eine Karte anbot. Die Karte war für den 2. Rang.  Nach Auskunft der Abendkasse waren die Karten für die zwei (!) Rollstuhlplätze verkauft.  Also erkundigte ich mich nach einem Aufzug zum 2. Rang. Fehlanzeige !

Eine Mitarbeiterin des  Hauses kam sehr bestimmend auf mich zu und sagte, mir sei es verboten, mich in den 2. Stock bringen zu lassen. Ich befand, dass das meine Entscheidung und mein Risiko sei, wer mich wo hin trägt.  Ich bat daraufhin einige junge Männer, mich in den zweiten Rang hinaufzutragen. Die taten das bereitwillig, wobei sich die Mitarbeitern während des durchaus nicht stressfreien Hinauftragens neben meine Helfer stellte und sie lauthals aufforderte mich  sofort herunterzubringen, weil sie sich sonst strafbar machten. Dies, ohne mich auch nur ein einziges Mal anzusprechen. Das führt zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Vorgangs, was mir nicht nur peinlich war, weil kopfschüttelnde Umstehende das mitbekamen, sondern auch gefährlich, weil ein vom hysterischen Aufzug der Dame   eingeschüchterter Helfer mich dabei losließ und wegging.  

Oben angelangt stellte ich mich  neben die Tür bei den Stellplätzen. Für die Umstehenden stellte das ausdrücklich kein Problem dar. Nach einigen Minuten kamen zwei Herren in Uniform und forderten mich auf mitzukommen. Als ich mich unter Hinweis auf meine Eintrittskarte  weigerte, sagte der eine wörtlich, „dann hole ich die Polizei und lasse sie hier heraustragen.“

Ich bin sicher, dass lediglich die empörten Reaktionen der anderen Zuschauer den Herrn von der Umsetzung seiner Absicht abgehalten haben.

Die für mich ab diesem Zeitpunkt durchaus belastende Situation entspannte sich in der Pause plötzlich, als eine junge Frau sich als  „Mitarbeiterin des Direktionsdienstes“ mit Namen vorstellte und mir sehr freundlich erklärte, dass im Parkett ein Rollstuhlplatz frei sei. Ich ließ mich völlig genervt  herunterbringen.

Selbstverständlich hätte  ich mir dieses Theater ersparen können, hatte  ich doch  längst zur Kenntnis genommen, dass das BE nur  2 Rollstuhlplätze hat. Ich habe verschiedentlich versucht kurzfristig ins BE  zu gehen und wurde stets beschieden: Es gibt noch Karten, aber nicht für Rollstuhlfahrer! Das muss „sieben Tage vorher angemeldet werden“ wurde mir neulich noch wörtlich gesagt. So ähnlich steht es auch auf der  Homepage. 

Angesichts der 738 Plätz  des  Hauses halte ich diese Sonderbehandlung von Rollstuhlfahrern für eine Zumutung und inakzeptabel.

Ich habe Claus Peymann einen  geharnischten Brief geschrieben und gesagt, dass  ich es mir  nicht bieten lasse, von einem Uniformierten mit der Deportation aus einer laufenden Vorstellung bedroht zu werden und zwar ohne gestört zu haben, im Besitz einer gültigen Eintrittskarte, nur weil ich Rollstuhlfahrer bin.  Es kam keine Entschuldigung, sondern eine windelweiche Erklärung, dass man für die Feuerwehr nicht verantwortlich sei.

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Juni 20, 2009 - Posted by | Mobilität | , , ,

3 Kommentare »

  1. […] Roman oder die aufrüttelnde Reportage berichtet, wie Rollstuhlfahrern in Deutschland der Besuch im Theater und im Kino vergrault […]

    Pingback von Nicht nur für Journalisten: Wie spricht man richtig über Behinderung? « Not quite like Beethoven | August 27, 2009 | Antworten

  2. Das ist ein Hammer. Überhaupt diese Reservierungswut mit den x-Tagen vorher ist ein Unding.
    Schade, dass sich sowas ein Kulturbetrieb schimpft.
    Das ist im Grunde eine Unkultur.

    Kommentar von Oliver | August 30, 2009 | Antworten

  3. […] Berlin wird einem Rollstuhlfahrer der Theaterbesuch zur Hölle gemacht. Er könne unmöglich unangemeldet ins Theater gehen, wird ihm gesagt. Als er sich weigert, wieder […]

    Pingback von Behindertenparkplatz » Deutschland im Sommer 2009 | August 31, 2009 | Antworten


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