Jürgen Hobrecht Logbuch

„Du Sau!“- Notdürftig auf historischem Boden

Ich sitze gern im Zwiebelfisch am Savignyplatz. Mit der S-Bahn fahre ich vom Alex bis zum Savignyplatz, überquere die Kantstraße: und bin im anderen Berlin. Keine schreienden Kinder, keine schwäbischen Grafiker, die ihr Dachgeschoß verlassen, um im Cafe de Paris am Kolle für 8€ einen Öko-Rotwein zu trinken.
Hier im Zwiebelfisch sitzen entspannte, ruhige Menschen, oft 50 plus, lesen Zeitung, schwätzen, sitzen allein und trinken in den Feierabend.
Hartmut, Ende 50, macht den Laden seit 27 Jahren. Seine Crew ist eine Armada von handfesten Frauen, gestanden, burschikos, liebenswert. Ich hatte schon tolle Gespräche hier, aber auch Abende allein, alles wie im Leben. Meist trinke ich zu viel. Kölsch oder Weißweinschorle. Der Zwiebelfisch hat kein Behindertenklo. Deswegen ist mein Fassungsvermögen auf Urinal-Beutelgröße limitiert.

Gestern gegen 22 Uhr ist es soweit. Ich muss nach Hause, zahle, mache mich auf dem Weg durch die Passage an den S-Bahn Bögen. Ich überquere die Bleibtreustraße und will den Aufzug holen. Der kommt nicht. Ich drücke noch mal, fester, als nütze das was: nix! Der Aufzug ist kaputt, mal wieder. Ich bin wütend, will nur weg, nach Hause, oder wenigstens auf´n Klo. Unüberlegt fahre über die Kantstraße in Richtung Bismarckstraße. Der Zoo wäre viel näher. Aber die Ratio weicht dem Blasenreflex. Hektisch gucke ich links, rechts, wo eine Kneipe ebenerdig ist. Keine Chance ! Viele Leute auf der Straße, kein Hinterhof, kein Klo. Wo jetzt hin? Schnell geradeaus, weiter! Langsam wird´s eng. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich bin. Alles kreist um die Klofrage. Irgendwann komme ich an die Bismarckstraße. Drehe nach links. An der Oper ist eine U-Bahn! Nach 200 Metern ist es geschafft. Bevor ich die Straße überquere, biege ich links in eine Seitenstraße, fahre auf einen von 60er Jahre-Bauten umsäumten Hof, auf dem Autos parken. Ich stelle mich zwischen zwei Autos, schaue mich um, blicke nach oben. Niemand am Fenster. Allein auf dem Hof. Ich löse den Stöpsel des Urinalbeutels und beobachte die Fensterfronten. Es dauert unendlich. Geschafft! Ich drehe, will wegfahren. Da öffnet eine ältere Frau das Fenster. Sie guckt und schreit schließlich nach unten:“ Du Sau, was machst Du da?“ Ich beeile mich vom Hof zu kommen. An der Ausfahrt zur Krummen Straße eine Gedenktafel für den auf diesem Parkplatz erschossenen Benno Ohnesorg. Hier wollte ich doch schon immer mal hin.-
Ortskundige wissen natürlich, dass der U-Bahnhof Deutsche Oper keinen Lift hat. Jetzt weiß ich auch das.

 

Juli 10, 2009 - Posted by | Alltag | , , , ,

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