Jürgen Hobrecht Logbuch

Was bin ich? Bitteres Beruferaten

Gestern erneut ein zeitraubender und überflüssiger Anwaltstermin. Vom Kollwitzplatz in die Charlottenburger Meinekestraße sind es gut 40 Minuten mit dem Auto. Parkplatzsuche, Wartezeit, Besprechung und Rückweg: 3 Stunden sind weg, für nichts! Das hätte man auch telefonisch machen können.
Seit 6 Jahren stellt die Polis Film vor dem Landgericht Berlin Ansprüche gegen zwei Autorinnen eines als „Kleines Fernsehspiel“  beim ZDF gesendeten Films.
Im Jahre 2001 kamen Arielle Arztstein und Ester Slevogt mit einem Exposé über jüdische Feste und Feten im Heinrich Stahl Saal der Jüdischen Gemeinde Berlin zu mir. Das Thema schien mir interessant, endlich mal lebendiges Judentum! Die Ausführung war schlecht. Keine Entscheidungsgrundlage für einen Redakteur, einen der raren Dokumentarfilmplätze freizuräumen – Für einen Film, der immerhin 170.000€ kosten sollte. Ich habe mit den Damen ein Jahr gearbeitet und in Kooperation mit von Polis Film bezahlten Autoren und Lektoren daraus einen lesbares und vorstellbares Filmexposé gemacht. Ich habe über die Filmagentin Heide Schramm
http://www.hsmedia-consult.de/einen interessierten Sender in Kanada gefunden. Ich habe mit den Freunden der deutschen Kinemathek e.V. einen Verleih-Vertrag abgeschlossen. Das Filmboard Berlin Brandenburg wollte fördern. Und: ich habe Jörg Schneider vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF das Thema angeboten. Der fand es erst langweilig, biss aber nach einer erneuten, von Polis Film bezahlten, Überarbeitung des Exposé  an. Der Film war zu 100% finanziert und sollte im Kino, im Fernsehen und im Ausland laufen. Mehr geht kaum. Doch nun, vielleicht aus Angst vor der eigenen Courage, angesichts der Aufgabe 90 Minuten Fernsehen füllen zu müssen, schrieben die Damen wütende Briefe, klagten über zu wenige Treffen und mangelnde Betreuung. Ich wies darauf hin, dass wir keinen Betreuungs-sondern einen Optionsvertrag haben und bestand auf Erfüllung. Pustekuchen! Der Vertrag wurde einseitig gekündigt. Die inzwischen vom Redakteur hofierten Damen suchten sich einen neuen Produzenten. Und: man zog das Projekt mit neuer Firma durch. Der Film „Auf jüdischem Parkett“ wurde ausgestrahlt und verschwand danach verdient in der Versenkung.
Sowas passiert zum Glück selten, zumindest in dieser drastischen Weise.
Aber es kostet natürlich Zeit und Nerven, nichts von dem wird bezahlt.
Gelegentlich frage ich mich schon, was ist mein Beruf? Ich bin angetreten als Autor und Journalist. Aber die Tätigkeit verschiebt sich immer mehr in Richtung Sachbearbeiter für Filmangelegenheiten, Buchhalter, Archivar von ausufernden Korrespondenzen und Call Center agent für Filmakquise. Wenn ich heute einen Film für das Fernsehen machen will, brauche ich eine Bankbürgschaft über die Produktionssume, um vom Sender während des Drehs Geld zu bekommen.- Geld mit dem ich sowas Anstößiges mache, wie Mitarbeiter bezahlen, oder meine Miete. In der Regel dauert es fast ein Jahr bis sich ein Redakteur zu einem Projekt „committet“, wie das Neudeutsch heißt. In der Zeit schreibe ich Exposés um, angepasst auf Sendeplätze, „slots“ heißt das heute. Ich kalkuliere das Projekt mehrfach, versehe es mit Regionaleffekten, um in den Genuss von Förderung zu kommen.- Ich verbringe viel Lebenszeit mit Akquisition, Zeit die verrinnt, Zeit, die keiner zahlt.

Ich habe 10 Jahre Radio gemacht und sechs prall gefüllte Leitz Ordner mit gesendeten Manuskripten. Ich habe 10 Jahre Fernsehen gemacht. Es sind 14 Filme entstanden. Und es stehen hier 46 Leitzordner herum, mit Kalkulationen Konzeptionen, absurden Produktionskonstrukten, Korrespondenzen mit Redaktionen, Klagen von und gegen Pro-duktionsbeteiligte und solche, die es werden wollten.
Ich habe mich entschlossen, wieder mehr Radio zu machen. Das Medium ist schneller. Der Autor ist näher am Menschen, und, was mich anbelangt, weiter weg vom Infarkt.

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Juli 15, 2009 - Posted by | Medien | , , , , ,

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