Jürgen Hobrecht Logbuch

Beruferaten II- Finanzbeamte neidisch auf USA-Reise?

Vor genau zehn Jahren produzierte ich für den NDR den Film  „Und plötzlich waren wir Feinde. Die Vertreibung der Juden aus Göttingen.“ Seit 2003 fordert das Finanzamt Prenzlauer Berg-Friedrichain von mir 18.000€. weil eine Beamtin eine Drehreise in die USA nicht als Dienstreise anerkennt.
Als Autor und Regisseur des Films interviewte ich Geschäftsleute in Göttingen, deren Eltern 1933 zum Spottpreis Geschäfte von jüdischen Göttingern übernahmen, sog. Arsiseure.
Um den Jahreswechsel fuhr ich mit dem  Kameramann Rainer Schmidt (http//www.tomtv.de ) und zwei Assistenten  in die  USA, um  die Kinder der enteigneten  jüdischen Geschäftsleute zu interviewen. Ihnen war in den dreißiger Jahren oft  nur mit knapper Not die Flucht in die USA gelungen, während die Eltern nach Auschwitz und Treblinka deportiert und dort getötet wurden.
Da ich damals eine tiefsitzende Beinthrombose  hatte, durfte ich nicht fliegen. 
Wenige Wochen vor der Reise  rief mein Assistent an und wies mich auf die Schiffspassage  mit der MS-Europa hin, von Genua nach Fort Lauderdale, Florida. Kostenpunkt 37.000 DM. Ich schüttelte erst den Kopf, musste dann aber zugeben, dass die Idee, bei der Presseabteilung von Hapag Lloyd nach einem Presseticket zu fragen, ganz vernünftig klang. Heraus kam ein One-way Ticket für 2.500 DM auf dem damals luxuriösesten Kreuzfahrer auf dem Nordatlantik.
Nachdem ich die  Mastkur an Bord  und die Avancen von Milliardärswitwen oberhalb des 85. Lebensjahres weitgehend unbeschadet überstanden hatte, kam ich Fort Lauderdale an.
Es folgte eine 12-tägige Drehreise von Miami über Sarasota  nach Washington und New York. Die Gespräche waren schwierig, zeitaufwendig und erschütternd. Niemand von uns hat vom Land etwas gesehen. Wir haben, Schlaf und Mahlzeiten ausgenommen, gedreht oder sind Auto gefahren.
Entstanden ist ein Film, auf den ich stolz bin. Insbesondere, weil  die bekannte Cutterin der Eberhardt Fechner-Filme, Brigitte Kirsche,  den Film geschnitten hat.

Wenig später hat das Finanzamt Prenzlauer Berg-Friedrichshain bei mir eine Betriebsprüfung vorgenommen. Geprüft wurden alle geschäftlichen Aktivitäten der letzten drei Jahre, also auch die USA-Reise und das gesamte Göttingen-Projekt. Das Ergebnis lag mir ein Jahr später vor: eine Rückzahlungsforderung des Finanzamtes in Höhe von über 25.000€.  Abgesehen von vielen Ungereimtheiten und Missverständnissen, die sich in der Folgezeit ausräumen ließen, ging es besonders um die Drehreise in die USA. Die wurde nämlich als Betriebsausgabe nicht anerkannt, weil
 “ die betriebliche Veranlassung nicht hinreichend nachgewiesen“ wurde, wie die Finanzbehörde noch in dieser Woche in einem Schriftsatz behauptet. Seit 2003 liegen dem Finanzamt  der Film, ein Produktionsvertrag, ein Förderbescheid, Reisekostenabrechnungen von Teammitgliedern, Bestätigungen des Kameramanns und Tagesberichte vor. Es nützt alles nichts! Die Reise gilt zu weiten Teilen steuerlich als Privatvergnügen. Inzwischen ist eine Forderung von 18.000€ gegen mich in der Vollstreckung, ein durchaus existenzgefährdender Betrag. Seitdem das Ergebnis der  Betriebsprüfung vorliegt, habe ich mit bezahlten Mitarbeiten Dutzende von Stunden aufgewendet, um einer  Finanzbeamtin die Fakten darzulegen. Sie hat mir  mehrfach gesagt, dass die berufliche Veranlassung von Reisen „zu so exotischen Zielen“ einer besonderen Begründung bedürfe „und nicht einfach so“ (wörtlich) als Betriebsausgabe geltend gemacht werden könne. Ich habe vor 2 Jahren  gegen den Bescheid geklagt und Beschwerde gegen die Beamtin eingelegt. Das Verfahren läuft.

Der Film ist  übrigens  im Jahre 2001  am Karfreitagmorgen um sechs im NDR gelaufen. Meinen Hinweis, dass es sich um einen religionsgeschichtlich bedeutenden Hinrichtungstermin handelt und nicht um eine angemessene Sendezeit, hat im NDR niemand verstanden

Juli 17, 2009 - Posted by | Medien | , , , , , , , , ,

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