Jürgen Hobrecht Logbuch

Stich ins Herz- die Tötung der Unzumutbaren I

Meine Beschäftigung  mit der Abtreibung behinderter Kinder ist chronisch, schmerzhaft und wohl lebenslang.  In Berlin besuche ich den Chef einer Klinik, die auch Abtreibungen vornimmt und will wissen, wie er das  tut, was er darf.foetusmediumac11Ungefähr 230 lebensfähige Embryos werden pro Jahr in Deutschland Opfer von Spätabtreibungen. Der Euphemismus „Spätabbruch“, beschreibt nur  unzureichend, worum es geht. Wird durch pränatale Diagnostik eine Schädigung beim Embryo entdeckt, die es für die Mutter „unzumutbar“ macht, das Kind auszutragen, hat sie das Recht, theoretisch bis um Tag der Geburt, die Schwangerschaft abzubrechen. Da nach der 22. Woche aber ein, mit medizinischer Hilfe, lebensfähiger Mensch zur Welt kommen würde, wird dem ungeborenen Mensch eine Kaliumchloridspritze ins Herz gesetzt. Der Tod tritt sofort ein. Die Praxis wurde eingeführt, nachdem  1997 in Oldenburg, ein Junge die eigene Abtreibung überlebt hatte.
Der Erkenntnisgewinn der pränatalen Diagnostik führt  in den  meisten Fällen  zu einer Tötungsentscheidung. Dr. Wolfgang Lenhard, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie der Uni-Erlangen, hat folgende Zahlen für sog. Spät-Abbrüche ermittelt. Bei  der Diagnose Trisomie 21  wird zu  91% abgetrieben  und bei spina bifida zu  74%, Tendenz steigend.
Meine Spezies ist also  vom Aussterben bedroht. Der medizinische Fortschritt wird Menschen wie mich zum Übergansphänomen machen.
Mein Lebenswert  ist nach Nützlichkeitserwägungen skalierbar, oder nach den Zumutbarkeitsgrenzen für die Gesellschaft definiert, wie bei behinderten Babies.
Kürzlich las in ich einem Artikel, dass  trotz  der Spätabbrüche, die  allgemeine Akzeptanz Behinderter so hoch sei, wie nie. Ich kann dem nur teilweise zustimmen. 75% aller Deutschen finden nichts dabei, behindert geborene sterben zu lassen. Was heute als Akzeptanz und Chancengleichheit bezeichnet wird, haben sich die Betroffenen oft selbst erkämpft. Es ist nicht  lange her, da war weder  das Busfahren selbstverständlich noch die eigene Wohnung, geschweige denn Schule und Arbeit.  
Es sind wohl  auch jene noch allzu gegenwärtigen  Bilder der trostlosen Perspektivlosigkeit behinderten Lebens, die die Tötungsentscheidungen der Mütter befördern.   
Meine Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach medizinischem Fortschritt und dem Gefühl der persönlichen Bedrohung, dass die Selektion im Kreißsaal  in mir auslöst, treibt mich zum Arzt. 
Ich suche das Fertility Center Berlin auf und will mit dem Chefarzt  Prof. Heribert Kenntenich fragen, wie er das tut, was er darf.
Kenntenich, ein gutaussehender, sportlicher Mittfünfziger sitzt  hinter dem Schreibtisch. Arme vor der Brust verschränkt.
50-70 Spätabtreibungen finden in seinem Haus jedes Jahr statt. Kenntenich spricht Klartext.“Ausschabungen, Unterbrechungen, alles Verharmlosungen. Es geht um Leben und Tod.“ Im Mittelpunkt steht die seelische und körperliche  Gesundheit der Schwangeren. Wenn deren Gefährdung nicht in zumutbarer Weise abgewendet werden kann, ist die Tötung des Ungeborenen vorprogrammiert. Nur, wer bestimmt, was zumutbar ist? Kenntenich: „Die Schwangere im Ergebnis der Beratung“ 
Kürzlich verlangte eine Frau einen Spätabbruch, weil auf dem  Ultraschall ein einbeiniges Baby zu sehen war. Hier hat die Beratung ihrem gesetzlichen Auftrag entsprochen. Das Kind wurde ausgetragen. 
Wann er eine Abtreibung ablehne, will ich wissen  „Wenn die Entscheidung nicht klar ist, der Konflikt noch ungelöst ist.“ Eine Frau muss mit der Entscheidung, ein lebensfähiges Kind töten zu lassen oder es auszutragen, leben können. 
Wie Frauen mit dem durchaus traumatischen Tötungsakt langfristig leben, weiß Kenntenich nicht.   
Zehn Prozent aller Spätabbrüche werden vorgenommen, weil das Leben der Schwangeren gefährdet ist. Etwa die Hälfte der Kinder würde nicht überleben, etwa weil Teile des Gehirns fehlen.  Bleiben 40%, die ausschließlich getötet werden, weil die Eltern meinen, Behinderung sei unzumutbar. Neunzig Tote im Jahr plus eine Dunkelziffer.   
Wie sehen sie sich in diesem Prozess, frage ich. „Ich bin dabei,“ sagt Kenntenich und blickt verlegen, ob seiner ausweichenden Antwort. Aber viel mehr ist von dem Arzt nicht zu hören. Einen Gewissenkonflikt sieht nicht.      
Kenntenich hat für die Bundesärztekammer die CDU-Bundestagsfraktion bei der Neufassung  der Beratungspflicht für Schwangere im letzten Jahr beraten. Er fordert eine Erfassung der Spätabbrüche. „Sie wollen doch auch wissen, wie viel Morde in Deutschland geschehen“,  gibt er in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung als Grund an.
Ob er verstünde, dass ich die sog. Spätabbrüche als gezielt behindertenfeindlich empfinde und damit existentiell gegen mich gerichtet?  Natürlich sagt er, aber das Problem ist nicht lösbar.
Als ich auf der Straße stehen, ein Kloß im Hals und das Gefühl von Ohnmacht. Auf der anderen Straßenseite der Friedhof,  irgendwo  dort steht ein Urnengrab und ein Stein für die verstoßenen Kinder.

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August 23, 2009 - Posted by | Verhinderungen | , , , , , , ,

3 Kommentare »

  1. Vielen Dank für den Mut, die allgemeinen Hintergründe und persönlichen Beweggründe(oder auch fehlenden)zum Thema Spätabtreibung in Deutschland niederzuschreiben.
    Dieses Thema wird leider viel zu sehr verschwiegen, und wenn, dann nur mit Blick nach USA oder anderswo.

    Kommentar von frau | August 30, 2009 | Antwort

  2. ich bin froh, haben sie erwähnt, dass gut die hälfte der kinder sowieso sterben würde und nicht pauschal über „das morden“ geschrieben wie soviele andere,allerdings hätte der satz auch aus rücksicht auf die betroffenen mehr raum verdient.
    gerade für mich als betroffene mutter sind solche diffrenzierungen sehr wichtig.
    in unserem falle ging es in erster linie, ja so paradox es auch klingen mag, darum, unser kind zu schützen.
    „dank“ des hypokratischen eides wäre meine tochter gleich nach der geburt operiert worden(ich hätte da kein mitspracherecht mehr gehabt bsp. palliativpflege) und wäre voraussichtlich wärend der operation alleine gestorben.
    dadurch, dass wir uns für den spätabbruch entschieden haben, konnten wir sicher gehen, dass sie keine unnötigen schmerzen erleiden musste und dass sie würdevoll, geliebt und gehalten gehen konnte.
    was die diagnose betrifft, mina hatte auch eine spina bifida, aber eine spina ist nicht gleich spina, man kann nicht pauschal einfach eine diagnose hinknallen, es kommt immer auf die ausprägung an.
    ich habe mich gleich nach der diagnose nach therapiemöglichkeiten etc. erkundigt(für mich wäre eine „normale spina“ niemals ein grund gewesen). bis man uns gesagt hat, dass der defekt sehr gross und sie bis zum ende der schwangerschaft kein hirn mehr gehabt hätte (arnold chiarimalformation). sie hatte zum zeitpunkt ihrer geburt schon kein kleinhirn mehr. ich bitte auch da zu diffrenzieren…per se würde ich auch sagen, dass ich es verurteile wenn wegen bspw. trisomie 21 ein abbruch vorgenommen wird, ja ich verurteile es, weil es an diesem punkt um „aussortierung“ geht…aber auch da, trisomie ist nicht gleich trisomie, es gibt jene, die wirklich gute chancen haben und andere, wo der chromosomenfehler zu schweren herzschäden etc. geführt hat. ich hoffe man versteht, worauf ich hinauswill…das thema ist nicht so einfach…
    und,zu ihrem abschlussatz muss ich sagen, ich habe nie erlebt, dass ein kind „verstossen“ wurde, ausnahmslos ALLE kinder von denen ich gehört habe,haben ein grab bekommen und werden als familienmitglied gezählt.
    unsere tochter hat mein leben von grund auf verändert und ich bin jeden tag unendlich stolz auf sie und dankbar habe ich sie kennenlernen dürfen.(und bei allem guten; es tut saumässig weh, wenn man das eigene kind in den tod begleiten muss, egal wie die umstände sind…)
    mit freundlichem gruss, m.

    Kommentar von marta | September 18, 2009 | Antwort

  3. Mein Sohn 5 Monate geboren mit spina bifida. Ich wusste es nicht vor der Geburt. Ich bin aber sehr froh dass ich mich der Entscheidung nicht stellen musste. Nach der Geburt war es schon ein Schock. Aber ich finde Jonas ist ein wahrer wirklicher Sonnenschein und in ruhigen Momenten kommt mir auch mal der Gedanke wie schlimm das doch gewesen wäre ihn bis 1 Tag vor der Geburt antreiben zu dürfen. Ich sehe ein Menschlein mit Handicaps , ok! Aber das ist nicht schlimm! Schlimm sind ganz andere Dinge in der Welt. Zum Beispiel Menschen die Glauben man kann doch nicht glücklich sein im Rollstuhl.

    Kommentar von Jasmin | Oktober 17, 2012 | Antwort


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