Jürgen Hobrecht Logbuch

Theaterbesuch II- Ein Abend in der Schaubühne

Der Eindruck verfestigt sich: Spontane Theaterbesuche sind in Berlin für Rollstuhlfahrer nur möglich, wenn man lügt oder sich Karten an der Kasse vorbei besorgt. (s. Beitrag „Ein Abend im BE“) Vor 14 Tagen gastierte das Theaterprojekt „Die Dritte Generation“ in der Schaubühne. Israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler reflektieren die Wechselbeziehungen von Schuld und Schuldgefühlen im Angesicht von Shoah und Israel-Palästina Konflikt. Da ich gerade eine Nahost-Reise vorbereite und zu den Themen veröffentlicht habe, wollte ich mir das anschauen. Telefonische Auskunft des freundlichen Herrn an der Kasse, einen Tag vor der Aufführung: Es gibt noch Karten! Auf meinen Hinweis, dass ich Rollstuhlfahrer bin, gibt es für mich keine Karte mehr. „ Das müssen sie mehrere Tage vorher anmelden. Es muss ein Sitz rausgenommen werden. Dafür reicht die Zeit nicht mehr.“ Ehe ich mit dem Mann einen fruchtlosen Streit beginne, stelle ich mich als Journalist vor und frage nach der Presseabteilung. Der dort tätigen Dame verschweige ich meine Behinderung. Ich stelle mich als Autor vor, der für eine israelische Zeitung über die Aufführung berichten soll. So klappt es problemlos. Nach zehn Minuten habe ich mein Presseticket per mail. Als ich abends zur Vorstellung ins Theater komme, ist das Erstaunen groß. Die Kollegin von der Presseabteilung habe nicht gewusst, dass ich im Rollstuhl sitze, sonst wäre das nicht gegangen, wird mir beschieden. Ich werde von drei Platzanweiserinnen mehrfach auf betulich-unangenehme Weise angesprochen, dass man „darauf“ nicht vorbereitet sei. Ich werde gebeten, möglichst nicht im Weg zu stehen und als letzter in den Zuschauerraum zu fahren, “ wegen der Sicherheit“. „Aber bitte ganz dicht an die Stuhlreihen, so dass sie nicht im Gang stehen.“ Der Zuschauerraum der Schaubühne ist ein großzügiger, hallenartiger Raum, mit stufenartig hinaufführenden Sitzreihen, einem Hörsaal ähnlich. Vor den Sitzreihen und daneben, meterweise Platz. Bevor die Türen geschlossen werden, wichtigtuerisches Getuschel der Ordnerinnen mit Blick auf mich.
Zum Vorstellungsbeginn eine hübsche Aufmerksamkeit. Einer der deutschen Schauspieler hält eine Einführungsrede und begrüßt besonders die anwesenden Juden, Schwulen, Zigeunern und Behinderten. Er entschuldigt sich ergriffen für die durch die Nazis erlittene Verfolgung.
Alles gut soweit. Ich konzentriere mich auf das Stück. Die peinliche Sonderbehandlung durch die Ordnerinnen gerät in Vergessenheit. Beim Rausfahren nach der Vorstellung bin ich im Gespräch mit einem Kollegen, fahre schwungvoll durch eine offene Tür und will ins Freie. Rums! Ich kippe mit dem Rollstuhl zwei von innen nicht sichtbare Stufen runter und liege auf der Straße, der Stuhl über mir, die Räder drehen in der Luft. Vier Leute hieven mich sofort in den Stuhl zurück. Ein Bediensteter eilt herbei und fragt, ob ich verletzt bin. Seit Jahren wolle man Innen ein Schild anbringen „Achtung Stufe“, sagt er und trottet davon.

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November 22, 2009 Posted by | Alltag, Zumutungen | , , | Hinterlasse einen Kommentar

BVG lässt sich Zeit…

Auf meinen Offenen Brief an die Direktion der BVG, in dem ich mich über die diskrimminierende Behandlung durch die Busfahrer beklagte, kam heute eine erste Antwort. Die BVG teilt mit, sie prüfe die Vorwürfe und brauche Zeit. Na, ich bin gespannt.

Oktober 9, 2009 Posted by | Alltag | , | Hinterlasse einen Kommentar

Nur Ausrutscher?-Übergriffe gegen „Marsch der 1000 Kreuze“

Meine Position zum Abbruch von Schwangerschaften ist eindeutig: Ich bin gegen einen Spätabbruch, wenn er dazu führt, behindertes Leben zu vernichten, ohne dass das Leben der Mutter zuvor in Gefahr gewesen wäre. Da es unredlich ist,  die  Tötung behinderter Babies  abzulehnen, gleichzeitig aber   die Abtreibung nichtbehinderter Embryos zu  tolerieren, bin ich wohl oder übel  ein Abtreibungsgegner. 
Aus Engagement für das Thema und aus Neugier ging ich gestern  Mittag zum Roten Rathaus und beobachtete den „Marsch für das Leben“, den Schweigemarsch von ca. 1.300 Menschen, der sich nach einer Kundgebung in  Richtung St. Hedwigskathedrale bewegte, wo ein Ökumenischer Gottesdienst gefeiert wurde.
Man mag über die Wirkung  der Symbolik von 1.000 Kreuzen streiten, die die Teilnehmer trugen, um an 1.000 Abtreibungen pro Tag zu erinnern.   Man mag darin eine unnötige Dramatisierung des Themas sehen.
Was  allerdings ein Bündnis von Gegendemonstranten, bestehend aus Linken, Feministen und sog. Antifaschisten   an „Argumenten“ aufzubieten hatte, war von so atemberaubender Geschmacklosigkeit und erschütternder Dummheit, dass mir jede Kritik an dem „Marsch der 1.000 Kreuze“ sofort  als kleinlich erschien. 
Da wurde von geschichtsvergessenen Abtreibungsbefürwortern ausgerechnet auf dem Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung von 1933, eine Bibel verbrannt. Es waren Plakate zu sehen, mit der Aufschrift  „Christen fisten“. Es flogen Eier aus den Reihen der Gegendemonstranten auf die als rechte Lebensschützer denunzierte Kundgebungs-teilnehmer. Insgesamt hat mich das geistige Niveau der Abtreibungsbefürworter an einen Artikel der Lübecker Politikerin der Linken, Asja Huberty erinnert, die   Föten mit Kaulquappen und Zellhafen verglich und sich vehement für fristenlose Abtreibung aussprach. Huberty hat ihre Wortwahl inzwischen bedauert.
Ihre Haltung zum Thema ändert sie  nicht. Die hinterher als verbalen Ausrutscher verharmlosten Äußerungen zeigen in ihrem Fall, wie in  Berlin, die wahre menschenverachtende Geisteshaltung.  

September 27, 2009 Posted by | Alltag, Verhinderungen | , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Parken mit Behinderung

Es ist wunderbar, das Christiane Link mit dem Titel ihres Blogs  Behíndertenparkplatz  auf das Thema aufmerksam macht. Aber lesen es die notorischen Falschparker?
Ich habe einen eigens mit Nummer reservierten Parkplatz vor meiner Haustür. Den Platz zu reservieren, bedeute für mich zwei Tage Vollbeschäftigung mit Behördenkram.
Seit Jahren zwei, drei Mal in der Woche die gleiche Prozedur. Ich will einparken und siehe da: der Parkplatz ist besetzt. Der Prenzlauer Berg ist ein beliebtes Amüsierviertel, mit zahllosen Kneipen, Clubs und Restaurants. Abends einen freien Parkplatz zu bekommen: beinahe ein Unding.

Der Missbrauch meines Parkplatzes heißt für mich bis zu 2 Stunden Zeitverschwendung. Ich rufe per 110 eine Streife, die manchmal erst  nach  einer Stunde kommt. O-Ton Polizei: „Sie halten sich bitte in der Nähe des Fahrzeugs auf“. Nach Eintreffen der Streife folgen ein 20-minütiger Check meiner Daten und eine Ermittlung des Falschparkers, der ja möglicherweise nebenan wohnt. Wenn das nicht fruchtet, wird ein Abschleppwagen gerufen. O-Ton Polizei: „Sie bleiben bitte in der Nähe des Fahrzeugs, damit sie nach dem Abschleppen gleich Einparken können.“  Nach einer weiteren Stunde kommt der Wagen. Ich kann endlich einparken. Im Sommer sitze ich bei meinem Lieblings-Spanier gegenüber und esse. Im Winter ist das nur lästig, nervt und grenzt an Körperverletzung und Nötigung.
Im letzten Winter habe ich meinen Wagen auf dem breiten Bürgersteig neben den Falschparker gestellt. Am nächsten Morgen hatte ich ein Ticket an der Scheibe. Grund der Verwarnung: „Parken mit Behinderung“    Ich habe diese Gelder  nicht bezahlt, sondern dem Ordnungsamt mitgeteilt, dass ich gar nicht daran denke, meine Zeit mit Warten auf Polizei und Abschleppdienst zu verbringen, nur weil Ignoranten meinen Parkplatz besetzen. Die Sache ging daraufhin vors Gericht. Das hat mich nun zur Zahlung von Bußgeldern in Höhe von 185€ für dreimal Falschparken verurteilt. Wenn ich nicht binnen 1 Woche bezahle, droht mir Erzwingungshaft.   
Ich habe eine feste Verabredung mit SAT 1 und der Bildzeitung. Wenn sie mich abholen, gibt es eine Geschichte. „Berliner Justiz sucht Hafplatz für Rollifahrer. Haftgrund: Parken mit Behinderung.“

September 24, 2009 Posted by | Alltag, Zumutungen | , , | 5 Kommentare

Lieber arm dran, als Arm ab?

Eine Bank in Tampa, im US-Bundesstaat  Florida, verweigerte einem ohne Arme geborenen Mann die Einlösung eines Barschecks. Die Begründung: Er konnte keinen Fingerabdruck hinterlassen, um sich zu identifizieren. Steve Valdez wollte einen Scheck von seiner Frau einlösen, als der Schalterbeamte einen Fingerabdruck verlangte. Er habe zwei Dokumente zur Identifizierung vorgelegt, die beide nicht anerkannt worden seien. Erst, nachdem die Geschichte öffentlich wurde, entschuldigte sich die Bank.

September 3, 2009 Posted by | Alltag, Verhinderungen | Hinterlasse einen Kommentar

„Wir müssen draußen bleiben!“ Rollstuhlfahrer erhält Saunaverbot

Die Süddeutsche Zeitung berichtet heute von einem Rollstuhlfahrer, der  aufgefordert wurde, die hoteleigene Sauna nicht mehr zu benutzen, weil  Gäste der Anblick des Behinderten depremiere . Der Chef des Hotel Jagdhof im  Bayerischen Wald, Josef Ritzinger, gegenüber der SZ: „Ich an seiner Stelle würde anderen den Anblick dieses schlimmen Schicksals nicht zumuten wollen.“
Die meisten Hoteliers handeln da übrigens konseqenter. Sie planen ihre Wellnessbereiche gar nicht erste barrierefrei. Sauna und Schwimmbad sind nur in Ausnahmen  für Behinderte zugänglich. Wenn es körperlich wird,  sperrt  man Körperbehinderte (von geistig Behinderten ganz zu schweigen) gern aus und versteckt sich auf Nachfrage hinter baulichen Zwängen.

September 3, 2009 Posted by | Alltag, Verhinderungen | , , , , , | 1 Kommentar

Im barrierefreien Puff – Gastbeitrag von Matthias Vernaldi

Vernaldi, 50, studierter Theologe, gelernter DDR-Bürger, Aktivist der Behindertenbewegung, ist Mitbegründer des Berliner Netzwerkes Sexybilities.      

 Ich habe mit dem  Blogger  Hobrecht einiges gemeinsam: Wir gehören einer Generation an, sitzen beide im Rollstuhl, essen gern und wissen gute Weine zu schätzen. In einem aber unterscheiden wir uns deutlich. Jürgen würde nie für Sex Geld bezahlen. Ich hingegen tue das, wann immer mir mein schmales Budget es erlaubt – also viel zu selten. Ohne dem hätte ich als schwerbehinderter älterer Herr so gut wie gar keine Chancen, Lust zu erleben.
LB Matthias 018Als behinderter Nutzer sexueller Dienste bin ich natürlich an Barrierefreiheit interessiert. Vor drei Jahren redete ich an einem Abend beim Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (BSD e.V. ) über behinderte Freier. Abschließend ließ ich die versammelten Bordellbetreiber an meiner Utopie vom Puff teilhaben, der nicht nur stufenlos zu erreichen ist, sondern auch einen Wannenlifter für den Whirlpool hat.
Unter den Zuhörern saß Maxi, die Betreiberin  des Liberty.
Im letzten Herbst war ich  überrascht, eine Mail von ihr vorzufinden. Sie lud mich ein, mir die untere Etage ihres Etablissements anzusehen, die sie neu dazu gemietet und ausgebaut hatte.

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August 21, 2009 Posted by | Alltag | , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Liegendanfahrt- eine etwas umständliche Alkoholkontrolle

Am Freitag habe ich einen dreitägigen Untersuchungsmarathon im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke absolviert. Eigentlich fit, nur zu dick- so kann man das Ergebnis zusammenfassen. Grund genug, den Kurztrip ins Westfälische zu feiern und eine tolle Premiere hinzulegen.  Seit 34 Jahren im Besitz eines Führerscheins, musste ich zum ersten Mal ins Röhrchen blasen.- Unter Umständen, die des Bloggens allemal würdig sind. Weiterlesen

August 2, 2009 Posted by | Alltag | , , , , , | 2 Kommentare

„Die Zeiten“, nein, sie sind nicht vorbei !

...gesehen in Berlin-Frohnau

...gesehen in Berlin-Frohnau

In Lübbenow, in der Uckermark, haben Eltern ein behindertes Kind neun Jahre im Haus behalten und vor der Öffentlichkeit versteckt.  Das allein wäre grausam genug. Hinzu kommt, dass die Situation im Elternaus des inzwischen dreizehnjährigen Mädchen dem Jugendamt seit vier Jahren bekannt war. Weiterlesen

Juli 29, 2009 Posted by | Alltag, Uncategorized | , , , , , , , , | 1 Kommentar

„Du Sau!“- Notdürftig auf historischem Boden

Ich sitze gern im Zwiebelfisch am Savignyplatz. Mit der S-Bahn fahre ich vom Alex bis zum Savignyplatz, überquere die Kantstraße: und bin im anderen Berlin. Keine schreienden Kinder, keine schwäbischen Grafiker, die ihr Dachgeschoß verlassen, um im Cafe de Paris am Kolle für 8€ einen Öko-Rotwein zu trinken.
Hier im Zwiebelfisch sitzen entspannte, ruhige Menschen, oft 50 plus, lesen Zeitung, schwätzen, sitzen allein und trinken in den Feierabend.
Hartmut, Ende 50, macht den Laden seit 27 Jahren. Seine Crew ist eine Armada von handfesten Frauen, gestanden, burschikos, liebenswert. Ich hatte schon tolle Gespräche hier, aber auch Abende allein, alles wie im Leben. Meist trinke ich zu viel. Kölsch oder Weißweinschorle. Der Zwiebelfisch hat kein Behindertenklo. Deswegen ist mein Fassungsvermögen auf Urinal-Beutelgröße limitiert. Weiterlesen

Juli 10, 2009 Posted by | Alltag | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar