Jürgen Hobrecht Logbuch

Ich bin nicht schuldig…

Es gibt Themen, die lassen mich  erst eine Nacht schlecht schlafen, ehe ich darüber schreiben kann.
Gestern veröffentlichte SPIEGEL-online  unter dem Titel  „Immer unter Strom“ einen Artikel, in dem eine Mutter über das Leben mit ihrem behinderten Kind berichtet. Der Text ist mit der Zeile überschrieben „Leben mit einem behinderten Kind“.
Treffender wäre gewesen: „Leiden mit einem behinderten Kind.“  

„Seit Julian so krank ist, bin ich immer unruhig. Jetzt überlege  ich ständig, was alles schief gehen könnte – denn vermutlich geht es schief.“

Es sind Sätze wie diese, die das Bild Behinderter gerade  in den Köpfen werdender Eltern prägen und die Entscheidung für eine Tötung des behinderten Embryos (Spätabtreibung) nahe legen.

„Julian ist fünf Jahre alt und leidet an einer nicht therapierbaren Epilepsie. Ursache unbekannt.“

Das ist gewiss nicht schön und macht niemandem Freude, am wenigsten dem Kleinen selbst, würde er sonst „so brüllen“?

Was ich schmerzlich vermisse in diesem Klagelied, ist auch nur ein einziges liebevolles Wort über den Sohn. Nur Sorge und Stress- und ständig unter Strom.  Das Kind wird auf die Behinderung reduziert

„Das bezaubernde Baby-Lächeln verschwand einfach“

Abschreckender geht es nicht.-  Das eigene Kind  wird zum  Sorgenkind und fällt zur Last oder der aufopferungsvollen Fürsorge anheim.

„… wir ließen ihn keine Sekunde mehr aus den Augen.“

Diese Mutter braucht keine anonymen verfassetenn Zeilen im „Spiegel“, sie braucht wahrscheinlich eher den Blick in denselben um festzustellen: ich brauche Hilfe. Sicher werden Eltern gerade behinderter Kinder mit ihren Problem und Ängsten allein gelassen. Hätte diese Frau mehr Therapie, bessere Beratung, entlastende Angebote, Integration in Kindergarten und Schule gefordert, man hätte sie  unterstützen müssen und beglückwünschen können. Stattdessen wird nach Kräften gejammert. 

„ Die Verzweiflung ist so immens, wenn man so ein kleines gequältes Bündel Mensch im Arm hält und nicht helfen kann.“

Nur an einer Stelle blitzt  er auf, der Mut zu kämpfen.

„Wir haben gelernt, dass wir sein Recht auf Integration immer werden erkämpfen müssen.“

Was am Ende für den Leser bleibt ist der Eindruck eins Leben  in einer

„Welt aus Therapieplänen und Medikamenten“

Wer will ein solches Kind haben?

Ich bin 1957 mit einer spina bifida geboren. Es ist sinnlos und wäre unfair,  darüber zu spekulieren, was meine Mutter getan hätte, wenn die Behinderung damals pränatal erkennbar gewesen wäre. Tatsache  ist, ich lebe.- Und ich lebe gern!
Das Gefühl freilich, eher versorgt, als geliebt zu werden, ist auch mir nicht fremd gewesen. Ursache dieser Versorgung, manchmal Überversorgungshaltung  und reinen Fürsorge, ist ein latentes Schuldgefühl meiner Mutter.

Vermutlich plagt auch  diese Mutter das  Gefühl, durch Fehlverhalten die Behinderung des Sohnes ausgelöst zu haben. Das ist psychologisch nachvollziehbar, aber sachlich völlig absurd. Sie, die Mutter ist nicht schuldig.-

 Aber das Kind auch nicht!      

 

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